Friedrich-Engels-Straße 99
14473 Potsdam
Erkundungen auf dem Potsdamer Telegrafenberg
Ein Stadtrundgang für Kulturliebhaber und Entdecker
Unser Tipp: Bitte prüfen Sie vor Fahrtantritt Ihre Zugverbindung und die erwartete Auslastung.
Der Blick vom Brauhausberg auf die Stadt mit ihren Parks und Gärten ist so berauschend, dass Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. hier oben ein Belvedere für seine Gemahlin Königin Luise errichten ließ. Es wurde im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges zerstört. Reparabel war allerdings die 1902 fertiggestellte Königlich-Preußische Kriegsschule, ein wuchtiger Bau im kaiserlich-romantischen Burgenstil. Nach dem Ersten Weltkrieg zog hier das Reichsarchiv ein, und unter den Nazis das Heeresarchiv. In dieser Zeit verschwanden 14 Meter des verspielten Turmaufbaus. In etwas nüchternerem Aussehen übernahm Ende der 1940er Jahre die SED das Haus und quartierte eine Bezirksleitung ein. So kam es, dass die Potsdamer das Haus heute noch „Kreml“ nennen. Nach 1993 war es über 20 Jahre lang der Sitz des brandenburgischen Landtages, bis der in das nachgebaute Stadtschloss umzog. Vom Brauhausberg genießt man noch heute eine wunderbare Aussicht auf die Stadt.
Zurück auf die Albert-Einstein-Straße und weiter bergauf. Vom Brauhausberg aus geht es jetzt auf den 94 m hohen Telegrafenberg – für Brandenburger Verhältnisse schon eine beachtliche Höhe. Den technisch klingenden Namen erhielt er, weil 1832 auf seinem Gipfel der 4. Mast einer optischen Telegrafenlinie zwischen Berlin und Koblenz (Sitz der Verwaltung der preußischen Rheinprovinz) errichtet wurde. Bereits 1849 konnte nach Einführung der elektrischen Telegrafie die Linie eingestellt werden.
Oben angekommen, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder nach links in den Kletterwald und zwischen Baumstämmen toben oder nach rechts zum beschaulichen Gang in den Wissenschaftspark „Albert Einstein“. Gehen Sie hier zum freundlichen Pförtner beim Schlagbaum rein.
Der Wissenschaftspark "Albert Einstein" ist einer der traditionsreichsten Wissenschaftsstandorte in Deutschland. Seit fast 150 Jahren befinden sich hier Einrichtungen zur Erforschung des Himmels und der Erde. Hier wurde das weltweit erste astrophysikalische Observatorium errichtet, hier befindet sich die Wiege der wissenschaftlichen Erforschung der Erdoberfläche (Geodäsie) und der systematischen Vermessung des Erdmagnetfeldes, hier liegt eine Geburtsstätte der deutschen Meteorologie.
Knapp 1.300 Mitarbeiter*innen arbeiten heute alleine im 1992 gegründeten GeoForschungsZentrum (GFZ), das im Jahr 2008 zu einem Helmholtz-Zentrum wurde. Hervorgegangen ist es aus dem renommierten DDR-Zentralinstitut für Physik der Erde (1969) und dem davor hier ansässigen Königlich-Preussischen Geodätischen Instituts von 1870. Hinzu kommen weltweit geachtete Einrichtungen wie die Potsdamer Forschungsstelle des Alfred-Wegener-Instituts, das Potsdam-Institut für Klimafolgenfoschung sowie das Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP) mit den historischen Teleskopen „Großer Refraktor“ und „Sonnenobservatorium Einsteinturm“. Ferner finden hier Messungen des Deutschen Wetterdienstes statt.
In den vergangenen Jahren ist auf dem Gelände des Wissenschaftsparks viel gebaut worden. Der folgende Rundgang greift thematisch vor allem die historischen Bauwerke auf. Dabei wird sich zeigen, dass einige von ihnen eine neue Funktion erhalten haben. Es wird auch deutlich, dass der Name „Wissenschaftspark“ durchaus wörtlich zu nehmen ist, denn Wegeführung und Bepflanzung entsprechen einem englischen Landschaftspark.
Die Reihe der neugebauten Gebäude des GFZ lassen Sie rechts liegen und gelangen zum Süring-Haus.
Der ursprünglich „Königlich Preussisches Meteorologisches Observatorium“ genannte Klinkerbau mit dem zinnenbewehrten Turm wurde 1890 bis 1893 errichtet. Derzeit wird er vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und dem Deutschen Wetterdienst (DWD) genutzt. Auf dem Turm befindet sich ein meteorologisches Messfeld. Im größten Teil des Gebäudes befassen sich Wissenschaftler mit den Wirkungen von Klimaveränderungen. Benannt ist das Süring-Haus nach dem ehemaligen Direktor des Meteorologischen Observatoriums Reinhard Süring. Er stellte 1901 zusammen mit Arthur Berson den Ballon-Höhenrekord von 10 800 Metern auf. Dabei konnten sie feststellen, dass die Lufttemperatur ab zirka 8000 Meter wieder ansteigt. Der Übergang zwischen Troposphäre und Stratosphäre war entdeckt.
Weiter geht es zur Messwiese des Deutschen Wetterdienstes vor dem historischen Dienerhaus. Hier finden seit 1893 stündlich Wettermessungen statt. Diese Messreihe ist eine der längsten der Welt. Nur ein paar Schritte weiter sind es zum Paläomagnetischen Labor des GFZ. Das Haus wurde 1888 für Messungen des Erdmagnetismus errichtet ohne eisenhaltige Baustoffe wie Ziegelsteine, Zement oder Nägel aus Eisen. Sandsteinblöcke sind so geschnitten, dass sie fest ineinandergreifen. Heute erforschen hier Wissenschaftler*innen Jahrmillionen alte Gesteinsproben.
Der Weg führt nun in einer Schleife zum Kleinen Refraktor, in dem bis 1945 ein Doppelfernrohr zur Erfassung des Himmels über Potsdam untergebracht war. Gleich nebenan steht das ehemalige Astrophysikalische Observatorium.
Auf der höchsten Stelle des Telegrafenbergs steht das 1879 fertiggestellte Herzstück der ursprünglichen wissenschaftlichen Einrichtungen. Es war das erste astrophysikalische Observatorium der Welt. Die drei Kuppeln waren damals mit Fernrohren bestückt, die vor allem der Beobachtung der Sonne dienten. Wie viele andere Gebäude auf dem Telegrafenberg wurde auch dieser Bau im klassizistischen Stil der märkischen Backsteingotik errichtet. In diesem Observatorium wirkte der Physiker Karl Schwarzschild, der 1916 die erste bekannte exakte Lösung der Einsteinschen Feldgleichungen fand. Der Name „Michelson-Haus“ würdigt Albert A. Michelson und seinen 1881 im Keller des Hauses erstmals durchgeführten Interferometer-Versuch, der für Einsteins spezielle Relativitätstheorie von großer Bedeutung war. Hier gelang auch 1889 die weltweit erste Fernaufzeichnung eines Erdbebens. 2001 bezog das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung mit seinen leistungsstarken Computern das Gebäude.
Nun geht es hinüber zum Großen Refraktor. Er dient als Kulisse für populär-wissenschaftliche Fernsehsendungen und ist ein Wahrzeichen für Wissenschaftsgeschichte. Die drehbare Kuppel des 1899 eingeweihten Refraktors besitzt ein Gewicht von 200 Tonnen. Ein wissenschaftlicher Höhepunkt war 1904 die Entdeckung der interstellaren Materie aus Gas und Staub. Nach kriegsbedingten Beschädigungen wurde der Betrieb 1968 eingestellt. Erst durch einen 1997 gegründeten Verein und dank großzügiger Spenden konnte das denkmalgeschützte Teleskop renoviert und 2006 voll funktionstüchtig erneut eingeweiht werden.
Auf dem Telegrafenberg im „Wissenschaftspark Albert Einstein" befindet sich der „Große Refraktor“. Das 1899 gebaute Doppelfernrohr ist das viertgrößte Linsenteleskop der Welt – das eine Rohr dient zum Schauen, das andere zum Fotografieren. Der große Refraktor ist ein wichtiges Denkmal für die Geschichte der feinmechanisch-optischen Industrie im ausgehenden 19. Jahrhundert und der Anfänge der jungen astrophysikalischen Forschung.
Das Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP) veranstaltet regelmäßige öffentliche Beobachtungsabende mit Erläuterungen zum Teleskop. Termine sind auf der Webseite des Instituts zu finden.
Das weltweit bekannte Wahrzeichen des Wissenschaftsparks, der Einsteinturm, steht in einer Senke am Rand des Geländes. Er erscheint auf den ersten Blick unscheinbar und spielt dennoch architektur- und wissenschaftsgeschichtlich eine herausragende Rolle. Gebaut wurde er, um den Nachweis der durch Einsteins Relativitätstheorie vorhergesagten Rotverschiebung von Spektrallinien im Schwerefeld der Sonne zu erbringen.
Der Einsteinturm ist das erste bedeutende Bauwerk des bekannten Architekten Erich Mendelsohn. Er entstand in den Jahren 1919 bis 1924 in Zusammenarbeit mit dem Physiker Albert Einstein und dem Astronomen Erwin Finlay Freundlich. Der Einsteinturm ist ein Zweckbau, ein Sonnenobservatorium, das bis zum Zweiten Weltkrieg auch wissenschaftlich das bedeutendste Sonnenteleskop in Europa war. Der Turm stellt also eine der sehr seltenen Verknüpfungen zwischen Wissenschaft und Kunst dar, weil es Mendelsohn gelang, sowohl die Anforderungen der Wissenschaft als auch seine eigenen Vorstellungen zur Formgebung zu erfüllen. Heute betreibt das Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP) das Sonnenobservatorium im Turm. Das Observatorium ist mit moderner Technik ausgestattet, mit der Astronominnen und Astronomen die Sonnenaktivität beobachten, Instrumente testen und Studierende ausbilden können.
Der „Wissenschaftspark Albert Einstein“ ist tagsüber für Besuche geöffnet, Gäste müssen sich am Eingang anmelden. Eine Außenbesichtigung des Turmes ist jederzeit möglich. Eine Innenbesichtigung kann nur im Rahmen von Führungen erfolgen. Sie werden in der Regel durch die Urania Potsdam organisiert. Gruppen von Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden können sich direkt an das Institut wenden.
Eine digitale Ausstellung auf der Website des Instituts gibt Einblick in die Geschichte und die wissenschaftlichen Hintergründe des Turms.
Der Weg führt zu einem weiteren klassischen Klinker-Gebäude. Es war bei der Eröffnung 1892 das Hauptgebäude des ehemaligen Geodätischen Instituts. Das Gebäude besitzt einen thermisch einzeln regelbaren Messraum mit eigenem Fundament, den Pendelsaal. Hier wurde der Wert für die Erdanziehungskraft g als „Potsdamer Schwerewert“ gemessen, der bis 1971 als internationaler Referenzwert galt. Heute beherbergt das Gebäude die gemeinsame Bibliothek des „Wissenschaftsparks Albert Einstein“. Nebenan im Wald verbirgt sich mit dem Helmert-Turm, dem Meridianhäuschen und dem Instrumentenhaus das 1892/93 errichtete „Observatorium für astronomische und geodätische Winkelmessungen“. Der Turm war der Nullpunkt des ehemaligen Preußischen Geodätischen Netzes.
Ihr Rundgang endet an der Stele mit den Büsten des ersten Deutschen im All, Sigmund Jähn, und seines russischen Kollegen Valeri Bykowski. Sie erinnert an deren gemeinsamen Raumflug im Jahr 1978. Sofern Sie den Wissenschaftspark nicht an einem Wochenende besuchen, können Sie Ihren Rundgang im „Café Freundlich“ (Haus 34) ausklingen lassen.
Danach geht es zurück zum Bahnhof.
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Potsdam HauptbahnhofFriedrich-Engels-Straße 99
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