Seegefelder Str. 1
13597 Berlin
Spandauer Industriekultur von Monarchie bis Mediengesellschaft
Ein Stadtrundgang für Familien, Kulturliebhaber und Entdecker
Unser Tipp: Bitte prüfen Sie vor Fahrtantritt Ihre Zugverbindung und die erwartete Auslastung.
Dass Spandau ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der Zentren der Deutschen Rüstungsindustrie wurde, hängt eng mit der Ansiedlung der Königlichen Geschützgießerei zusammen. An der Mündung der Spree in die Havel stand einmal ihre groß angelegte Fabrikanlage. Heute ist als einziges größeres Bauwerk aus dieser Zeit die Bohrwerkstatt mit ihren großen Fenstern und Rundbögen erhalten. Sie wurde 1871-74 im Stil der Berliner Schinkelarchitektur gebaut und ist damit eine der ältesten Industriehallen Berlins. Mit ihr verbunden ist eine Werkhalle aus rotem Backstein aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.
Die Regierung Westberlins nutzte die Bohrwerkstatt jahrelang für die Lagerung von Getreide. Mit der sogenannten Senatsreserve sollte die Stadt im Fall einer erneuten Belagerung noch Monate lang ernährt werden. Danach blieb die Halle trotz der malerischen Lage ungenutzt. 2018 wurde das Anwesen verkauft und soll in Teilen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Hinter dem Generationengarten geht es hinauf auf die Juliusturmbrücke und über die Havel. Heute lassen Sie auf Ihrem Weg die Zitadelle ausnahmsweise links liegen. Nur wenige Schritte hinter der Brücke, die zum Eingang der imposanten Renaissancefestung führt, biegen Sie links in den Zitadellenweg und schlendern am westlichen Abzugsgraben entlang und direkt hinein in das heftig schlagende Herz der Industrie. Der Zitadellenweg führt Sie um das BMW-Werksgelände herum.
Das Berliner Werk der BMW Group in Berlin-Spandau ist wohl der größte Exporteur von Berliner Luft. Hinter historischen Backsteinfassaden werden in einem hochmodernen Werk BMW Motorräder für Motorradfreund*innen in der ganzen Welt produziert – die Reifen gefüllt mit Luft aus Berlin. Die Werksführungen geben den Besucher*innen faszinierende Einblicke in die moderne Fahrzeugproduktion. Gleichzeitig zählt das Werk zu den traditionsreichsten Produktionsstandorten des Unternehmens.
Die Entwicklung der Stadt Spandau war seit dem 16. Jahrhundert durch die zur Verteidigung der Residenzstadt Berlin errichteten Zitadelle geprägt. Im Umfeld der Zitadelle durften nur militärische Produktionsstätten angesiedelt werden. Mitte des 18. Jahrhunderts errichtete Friedrich Wilhelm I. eine Gewehr- und Munitionsfabrik für die preußische Armee. Dieses Gelände wurde 1936 durch die Brandenburgischen Motoren Werke GmbH (Bramo) übernommen, die hier Flugmotoren fertigten. Drei Jahre später erwarben die Bayerischen Motorenwerke (BMW) das Werk und nutzten es zunächst weiterhin als Produktionsstandort für Flugzeugmotoren. 1949 wurde die Fertigung von Motorradteilen für das Stammwerk in München aufgenommen. Komplett hier produzierte Motorräder laufen in Spandau seit 1969 vom Band, 30 Motorräder wurden zu dieser Zeit am Tag fertiggestellt. Das Werk wurde seitdem erweitert und wird kontinuierlich modernisiert. Arbeitssicherheit und Gesundheitsvorsorge spielen dabei eine ebenso große Rolle wie der achtsame Umgang mit den teilweise denkmalgeschützten Gebäuden. Von ca. 2000 Mitarbeitern werden pro Tag bis zu 800 Motorräder produziert. Die Führungen durchs Werk während der laufenden Produktion geben Einblick in die hochmoderne Fertigung bei BMW Motorrad.
Am Ende des Zitadellenwegs schlängeln Sie sich zwischen alten und neuen Werkshallen durch bis zum Telegrafenweg. Links sind es nur wenige Meter bis zum Wasser, in ihrem Rücken befinden sich die Havelwerke auf dem Gelände der ehemaligen Königlichen Pulverfabrik. An der Geschichte dieses Geländes lässt sich beispielhaft die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung seit der Industrialisierung erzählen.
Alles beginnt in den 1830er Jahren, zu Zeiten der preußischen Monarchie. Damals wurde die Königliche Pulverfabrik von ihrem ursprünglichen Standort in Berlin-Moabit ans Spandauer Havelufer verlegt. Der direkte Zugang zum Wasser und der Bahn ermöglichte einen schnellen Transport des Schießpulvers in die Kasernen der preußischen Armee im ganzen Land. Im Zweiten Weltkrieg war die Militärtechnik vorangeschritten. Das Gelände wurde zur Produktionsstätte für Waffen und andere Kriegsgeräte, darunter Flak-Geschütze verschiedener Kaliber. Auf Monarchie, Diktatur und Krieg folgte das deutsche Wirtschaftswunder. Jetzt übernahm die Schwerindustrie mit ihren großen Namen das Gelände am Telegrafenweg – erst Mannesmann, später Thyssen-Krupp. Doch auch diese Ära fand ein Ende.
2012 gründeten sich schließlich die Havelwerke und überführten den alten Militär- und Industriestandort – erhalten ist heute noch das Verkohlungsgebäude der Alten Pulverfabrik – ins Zeitalter der Kreativwirtschaft. Seitdem werden hier Erfindungen gemacht, neues und altes Handwerk betrieben, craft beer gebraut, eine Boulderhalle betrieben und es entsteht Kunst.
Wenden Sie der Havel den Rücken zu und laufen den Telegrafenweg hinauf bis zum Goldbeckweg. Zweigen Sie dann ab in den Grützmacherweg und gehen weiter geradeaus bis zur Lilli-Palmer-Promenade. Sie gehen durch den Krienicke Park in Richtung Norden und weiter, bis Sie auf die Kleine Eiswerderstraße stoßen.
Direkt vor Ihnen liegt das Gelände der von Artur Brauner gegründeten CCC Filmstudios. Von 1890 bis 1919 war dies das Gelände der Neuen Pulverfabrik. Ab den 1950er Jahren wurden hier Filme wie die Edgar-Wallace-Reihe und auch der komplette Studioanteil der deutschen Netflix-Serie Dark gedreht.
Für Sie geht es nach links über die Kleine Eiswerderbrücke auf die Insel Eiswerder.
Mitten im Spandauer See liegt die Insel Eiswerder. Zur Hälfte bewaldet und mit ihren kleinen Bootsclubs wirkt sie heute sehr friedlich. Ein genauer Blick auf die ausladenden roten Backsteingebäude verrät aber ihre rüstungsindustrielle Vergangenheit. 1829 zog das geheime Brandraketen-Laboratorium aus der Zitadelle um zu seiner Schwester auf der Insel, dem drei Jahre zuvor errichteten Feuerwerkslaboratorium. Eiswerder wurde in der Folge zu einem bedeutenden Militärstandort mit Fabriken zur Herstellung von Pulver, Patronen und Munition, einer Artilleriewerkstatt und einer Geschützgießerei. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Rüstungsanlagen über eine Eisenbahnbrücke an die Berlin-Hamburger Bahn angeschlossen. Die Betriebe selbst nutzten zum Teil Werkbahnen mit einer Spurweite von gerade einmal 60 cm. Wegen der Explosionsgefahr kamen feuerlose Dampfspeicherlokomotiven zum Einsatz.
Zu Zeiten des geteilten Deutschland wurde es auf der Insel wieder geheim. Die Industrieanlagen waren stillgelegt und der West-Berliner Senat lagerte hier seine erweiterten Senatsreserven für die Versorgung der Bevölkerung im Fall einer Belagerung. Seit der deutschen Wiedervereinigung entwickelt sich die Insel Eiswerder nach mehreren Umbauten mehr und mehr zu einem attraktiven Standort für Kunst- und Medienbetriebe mit Büros, Studios und Gastronomie. Zuletzt ziehen auch immer mehr Anwohner auf die 14 Hektar große Insel um.
Über die Große Eiswerderbrücke im Südwesten der Insel geht es zurück aufs Festland. Auf dem Rückweg zum Bahnhof werden Sie noch über weitere interessante Gebäude stolpern. Den Anfang macht gleich links von der Brücke das Quartier Schultheiss rund um die ehemalige Brauerei am Altstadthafen. Sie spazieren am Ufer entlang Richtung Süden. Werfen Sie im Vorbeigehen doch einen Blick in die Triftstraße auf die expressionistisch gestaltete Fassade der in den 1920er Jahren errichteten Feuerwache.
Am Eiswerderufer geht es weiter, anschließend am Wasser entlang durch den Wröhmännerpark bis zum Brauhaus Spandau – der ehemaligen Heereswäscherei von 1890. Sie wählen die breitere Brücke am Ende des Parkplatzes und kommen in die Fußgängerzone der Spandauer Altstadt. Es geht die Carl-Schurz-Straße hinunter, an der St. Nikolai-Kirche vorbei und bis zum Bahnhof.
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Bahnhof SpandauSeegefelder Str. 1
13597 Berlin